Salsa & SonKubanische Musik und Tanz

Son cubano

Aktualisiert am 1. Oktober 20264 Min. Lesezeit

Der Son ist die Musik, auf der fast alles aufbaut, was man heute unter Salsa versteht. Er kommt aus dem Osten Kubas, verbindet spanische Liedtradition mit afrikanischer Rhythmik und wurde in den 1920er-Jahren in Havanna zur populärsten Tanzmusik der Insel.

Blau gestrichenes Kolonialhaus mit Balkon an einer Straßenecke in Santiago de Cuba
Die Casa de la Trova in Santiago de Cuba, einem der traditionellen Orte für Son und Trova im Osten der Insel. (Foto: Maesi64 · CC0 · Wikimedia Commons)

Woher der Son kommt

Die Wurzeln des Son liegen im bergigen Osten Kubas, in der früheren Provinz Oriente rund um Santiago, Guantánamo und Baracoa. Dort entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine ländliche Musik, in der zwei Welten zusammenkamen: die Saiteninstrumente und Liedformen der spanischen Siedler und die Trommeln, Rhythmen und Wechselgesänge der aus Afrika verschleppten Menschen und ihrer Nachfahren. Eine eng verwandte, sehr frühe Form ist der Changüí aus der Gegend von Guantánamo, der bis heute gespielt wird.

Um 1909 kam der Son nach Havanna. Gern wird erzählt, dass Soldaten aus dem Osten ihn mitbrachten, als sie in die Hauptstadt versetzt wurden. Sicher ist, dass er sich dort in wenigen Jahren in den Arbeitervierteln verbreitete und anfangs als ordinär galt. Die ersten Schallplattenaufnahmen stammen von 1917. Spätestens in den 1920er-Jahren hatte der Son die Tanzsäle der Stadt erobert und das Radio sorgte dafür, dass man ihn auf der ganzen Insel hörte.

Sexteto, Septeto, Conjunto

Mit dem Erfolg in Havanna bildete sich eine feste Besetzung heraus. Das Sexteto Habanero, 1920 gegründet, wurde zum Vorbild: Gitarre, Tres, Bongó, Claves, Maracas und ein Kontrabass, dazu Gesang. Ende der 1920er-Jahre kam eine Trompete hinzu, aus dem Sexteto wurde das Septeto. Das bekannteste Beispiel ist das Septeto Nacional, das der Komponist Ignacio Piñeiro 1927 gründete und das es bis heute gibt. Etwa zur gleichen Zeit wurde das Trío Matamoros aus Santiago mit Liedern berühmt, die eher nach Bolero und Trova klingen, aber vom Son nicht zu trennen sind.

Historisches Schwarzweißfoto einer Gruppe von Musikern mit Gitarren in hellen Anzügen
Das Sexteto Habanero in den 1920er-Jahren. Die Besetzung mit Gitarre, Tres, Bongó, Claves, Maracas und Bass wurde zum Standard. (Foto: unbekannt · Public domain · Wikimedia Commons)

In den 1940er-Jahren veränderte der blinde Tres-Spieler Arsenio Rodríguez den Klang grundlegend. Er erweiterte die Gruppe zum Conjunto mit Klavier, Conga und mehreren Trompeten und betonte den zweiten, improvisierten Teil der Stücke. Dieser schwerere, stärker afrokubanische Son montuno ist der direkte Vorfahr der Salsa, wie sie später in New York gespielt wurde.

Wie ein Son aufgebaut ist

Ein klassischer Son hat zwei Teile. Zuerst kommt der Largo, ein liedhafter Abschnitt mit Strophen, in dem eine Geschichte erzählt wird. Danach folgt der Montuno: Ein kurzer Refrain des Chors, der Coro, wechselt sich mit improvisierten Zeilen des Vorsängers ab, den Pregones. Die Band wird lauter und dichter, Trompete oder Tres spielen Soli, und genau hier füllt sich die Tanzfläche.

Steckbrief Son

Herkunft
Osten Kubas (Oriente), zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts
In Havanna
ab etwa 1909, erste Aufnahmen 1917
Takt
gerader Takt, meist als 2/4 oder 4/4 notiert, getragen von der Clave
Teile
Largo (Strophen) und Montuno (Wechsel von Chor und Vorsänger)
Kulturerbe
seit Dezember 2025 auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes

Was den Klang ausmacht

Drei Dinge erkennt man beim Hören fast sofort. Erstens die Clave, ein fünfschlägiges Muster über zwei Takte, nach dem sich alle Musiker richten. Zweitens der Tumbao des Basses: Er spielt nicht auf die Eins, sondern nimmt die Töne vorweg und lässt die Eins oft ganz frei. Das erzeugt den schwebenden, vorwärtsdrängenden Charakter, der Tänzer anfangs verwirrt. Drittens der Guajeo, ein kurzes, sich wiederholendes Begleitmuster auf dem Tres, das später auf das Klavier überging.

Wer genauer hinhört, merkt auch, wie viel Platz in dieser Musik ist. Jedes Instrument hat eine kleine, klar umrissene Aufgabe, und erst das Zusammenspiel ergibt den Groove. Mehr dazu, welches Instrument was macht, steht im Beitrag über die Instrumente.

Son und Salsa: das Verhältnis

Viele kubanische Musiker haben lange darauf bestanden, dass Salsa nichts anderes sei als Son mit neuem Etikett. Ganz falsch ist das nicht. Als in den 1960er- und 1970er-Jahren in New York die Salsa entstand, spielten die Bands vor allem Son montuno, Guaracha und Mambo, nur mit Posaunen, härterem Sound und Texten aus dem Leben der Latinos in der Großstadt. Wie es dazu kam, beschreibt die Geschichte der Salsa.

Auch beim Tanzen ist der Zusammenhang direkt zu spüren. Die kubanische Paartanzform, die heute als Salsa cubana oder Casino unterrichtet wird, ist aus dem Son-Tanz hervorgegangen. Wer einen alten Son von Septeto Nacional auflegt, kann darauf ohne Weiteres die Grundschritte aus dem Grundkurs tanzen, nur etwas langsamer und weicher.

Neues Interesse seit den 1990ern

Außerhalb Kubas geriet der traditionelle Son lange in Vergessenheit. Das änderte sich 1997 mit dem Album Buena Vista Social Club, für das der Gitarrist Ry Cooder und der Produzent Juan de Marcos González ältere Musiker wie Compay Segundo, Ibrahim Ferrer und Rubén González in Havanna zusammenbrachten. Die Platte und der gleichnamige Dokumentarfilm von Wim Wenders (1999) machten den Son weltweit bekannt. Im Dezember 2025 nahm die UNESCO die Praxis des kubanischen Son in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.

In Kuba selbst war der Son nie weg. In den Casas de la Trova, auf Plätzen und in kleinen Bars spielen Septetos bis heute die alten Stücke, und an vielen Orten wird dazu getanzt. Wer die Insel besucht, sollte mindestens einen Abend in einer solchen Casa verbringen.